St. Anton am Arlberg – ein Streifzug durch die Geschichte

Es wird kaum eine Gemeinde geben, die wie St. Anton am Arlberg innerhalb von 750 Jahren bereits den fünften Namen trägt. Um 1275 als „Vallis taberna“ bezeichnet, folgte über Jahrhunderte der Name „Stanzertal“ (1275 - ca. 1805) ehe für kurze Zeit der Gemeindename St. Jakob als Standort der uralten Kuratie St. Jakob übernommen wurde. (1805 – ca.1811). Auch dieser Name dürfte nicht zufriedenstellend gewesen sein und man einige sich auf den Gemeindenamen nach dem alten Ortsteil Nasserein (1811 – 1927) der inmitten der beiden Fraktionen  St. Jakob und St. Anton gelegen ist, wohl auch deswegen, da das Postgasthaus sich in diesem Ortsteil bis 1824 befand. Mit dem Bau der neuen Landstraße 1824 wurden die beiden Ortsteile St. Jakob und Nasserein umfahren und der Ortsteil  St. Anton gewann immer mehr an Bedeutung. Als in den Jahren 1880 bis 1884 die Arlbergbahn gebaut wurde, stand bereits bei der Planung fest, daß die Bahnstation „St. Anton am Arlberg“ heißen werde, obwohl der Gemeindename nach wie vor „Nasserein“ war. Über die Jahre wurde dann immer mehr der spürbare Wunsch deutlich, den Gemeindenamen „Nasserein“ in den viel gebräuchlicheren Namen „St. Anton am Arlberg“ abzuändern. Es sollte aber noch bis 1927 dauern, ehe der Gemeindename „St. Anton am Arlberg“ nach langen Differenzen innerhalb der Fraktionen St. Anton und St. Jakob im Gemeinderat beschlossen werden konnte.
Auch der Name Arl(berg) läßt sich mit verschiedenen  Schreibungen bis 1218 (Arle, Arlen, Montem Arili, Arlenperge) zurückverfolgen und wird sinngemäß von Arle = Latsche (Zunterna) übersetzt. Bezeichnet wurde in einer Urkunde von 1218 damit ein erwähnenswerter Wald, welcher sich bis zum Arl erstreckte. Sachliche wie auch formelle Gesichtspunkte deuten aber auch auf eine andere Namensgebung in einer älteren Sprache hin. Der „Arl“ gab auch „Burg Arlen“ seinen Namen, welche sich auf dem Schloßkopf oberhalb von Nasserein befand. Erbaut wurde diese Burg von ca. 1225 bis 1250 von den „Schrofensteiner“, welche dann aber in den Besitz (um 1310) des Landesherrn übergeben wurde, der wieder Burghüter zur Verwaltung einsetzte. Bereits 1312 wurde die Burg von den Rötenbergern aus dem Allgäu zerstört, aber wieder aufgebaut. 1406 kam es zu den Appenzellernkriegen. Aus Vorarlberg kommend zogen die Appenzeller brandschatzend über den Arlberg und zerstörten die Burg Arlen und töteten auch den Burgherrn Jakob Überrainer im Turm zu Pettneu.  Die Burg verfiel zur Ruine und wurde nicht mehr aufgebaut. Hin und wieder ist man in den 60iger Jahren bei Bauarbeiten auf die unterirdischen Gänge der Burg gestoßen, welche bis weit nach Nasserein und St. Jakob hinunter führten. Leider wurde eine genauere Erforschung dieser Gänge verabsäumt.    

Im Umfeld der „Burg Arlen“ ist auch Heinrich Findelkind zu nennen, der 1375 in unsere Gemeinde gelangte. Ihn hatten zwei Priestern, die sich auf dem Weg nach Rom befanden, in Vorarlberg aufgelesen und begleiteten ihn bis auf Burg Arlen. Der Burgherr bat sie, ihm den Knaben zu überlassen. So blieb der etwa zwölfjährige 10 Jahre  lang bei Jakob Überrainer als Schweinehirt tätig und durfte am Sonntag seinem Herrn das Schwert in die Kirche nach St. Jakob tragen.  In dieser Zeit brachte man viele Tote, die im tiefen Schnee auf dem Arlberg umgekommen waren, zum Friedhof nach St. Jakob. Voll Erbarmen beschloß Heinrich, mit dem als Hirte verdienten 15 Gulden eine Unterkunft auf dem Arlberg zu bauen. Zu Weihnachten 1385 erhielt er von Herzog Leopold III die Erlaubnis zur Errichtung einer Herberge und am 24. Juni 1386 begann er mit dem Bau. Bereits im ersten Winter konnte er sieben Menschen vor dem Erfrieren retten. Im selben Jahr dürfte er auch vom Papst die Erlaubnis zur Gründung der „Bruderschaft St. Christoph“ erhalten haben. In den folgenden Sommern zog er durch ganz Europa, um für sein Werk zu werben. 1415 soll die Bruderschaft St. Christoph bereits 2000 Mitglieder gehabt haben. Dazu zählten, wie auch heute noch, Reiche und Arme, Adelige und einfache Leute, geistliche und weltliche Herren. 1784 wurde die Bruderschaft von Kaiser Josef II aufgelöst, im Jahre 1962 aber wieder erweckt.Heute zählt die Bruderschaft St. Christoph über 13.000 Mitglieder. Mit den jährlichen Beitragszahlungen und Spenden werden die caritativ-sozialen Leistungen im Sinne von Heinrich Findelkind fortgesetzt, die allein zum Ziel haben, unverschuldet in Not geratenen Familien zu helfen und sie finanziell zu unterstützen.  

Von je her bestimmte die Verkehrsentwicklung das Geschehen unserer Gemeinde und mehrere verschiedene Wege über den Arlberg lassen sich in den Aufzeichnungen und Dorfordnungen nachweisen. Als 1363 Tirol und bald darauf auch Vorarlberg zum Habs-burgerreich gekommen waren, setzte auf dem Fahrweg über den Arlberg verstärkter Verkehr ein, wobei dem Transport von Handelswaren aller Art, insbesondere dem Salztransport und den militärischen Gütern samt Truppenbewegungen  größte Bedeutung zu kam. Die Dörfer dies- und jenseits des Arlberg erblühten und neue Siedlungen entstanden.  Berühmtester Reisender zu dieser Zeit war Papst Johannes XXIII, der auf dem Weg zum Konzil nach Konstanz am 24. Oktober 1414 von Rom kommend den Arlberg überschritt. Es lag bereits tiefer Schnee auf dem Arlberg und durch ein Mißgeschick fiel der Wagen seiner Heiligkeit um und begrub den Papst unter sich, worauf dieser mit den Worten „Hier lieg ich nun im Namen des Teufels“ seinen großen Unmut über das Mißgeschick zu erkennen gab. Papst Johannes XXIII wurde beim Konzil in Konstanz von seinem Amt enthoben und mußte aus Konstanz fliehen.

Im Untertanenverzeichnis von 1427 werden 88 Familienväter mit Weib und Kindern genannt, im Feuerstättenverzeichnis jedoch nur 65 Feuerstätten. Dies wohl deshalb, da viele Familien in Doppel- und Dreifachhäusern gewohnt haben. Sehr aufschlußreich sind auch die im Original erhaltenen Dorfordnungen aus dem Jahre 1656 und 1802, die alle Gehöfte mit ihren Bewohnern samt Rechten und Pflichten nennen. Nach dem Verkauf  der Alpgebiete auf dem Arlberg  (Alpe Stern genannt) samt sonstiger Alprechte (1450) an die Stadt Lindau am Bodensee, verschafften sich diese die Kontrolle über den Arlbergverkehr. Lindau förderte aber den Salztransport von Hall über den Fernpass und schädigte so den Salztransportverkehr über den Arlberg empfindlich. Im Laufe des 15 Jhd. verfiel die Straße über den Arlberg derart, daß er mit Wagen nicht mehr befahrbar war. Trotz Bemängelungen hielt sich dieser Zustand von ca. 1450 bis 1787 und wurde erst mit der Eröffnung der „Josephinischen Straße“ über den Arlberg wieder abgeschafft. Der dadurch wieder stark steigende Fuhrwerksverkehr erzwang mit der „Kunststraße“ 1824 den weiteren Ausbau, was die „Umfahrung“ von St. Jakob und Nasserein zur Folge hatte. Zu dieser Zeit gab es viele Fuhrwerkfrächter in unserem Dorf, die den Transporten über den Arlberg „Vorspann“ leisteten und viele Fuhrwerksknechte beschäftigten. Etwa um 1860 nahm der Arlbergverkehr rasch ab, da im Alpenvorland bereits Eisenbahnen entstanden waren und der Transport des Salzes nunmehr wieder über Bayern erfolgte. Die Bevölkerung in unserem Ort bekam diese Auswirkung bitter zu spüren und eine merkliche Verarmung setzte wieder ein. Der finanzielle Niedergang war in allen Teilen des Dorfes spürbar.Viele Einheimische gingen nunmehr wieder als Maurer, Zimmerleute oder Handlanger ins Ausland, da sie von der klein strukturierten Landwirtschaft nicht leben konnten.  Um 1815 begann ebenfalls auf Grund der schlechten wirtschaftlichen Situation im Dorf das oft traurige Kapitel der „Schwabenkinder“. Unzählige Kinder armer Leute mußten über den Sommer ins Schwabenland und wurden dort hauptsächlich als Hütekinder verdingt - erst 1914 sollte dies ein Ende haben. Als um 1870 bekannt wurde, daß eine Bahnlinie durch das Stanzertal und Klostertal geplant sei, wurde für eine bessere Zukunft wieder Hoffnung geschöpft.1880 wurde mit dem Tunnel- und Bahnbau auf der Arlbergstrecke begonnen, die Höchstzahl der Beschäftigten lag bei 4.300 Mann mit Gesamtkosten von 41 Millionen Gulden, davon 19 Millionen Gulden für den Tunnelbau. In St. Anton selbst gesellten sich zu den 900 Einwohnern 2.200 Arbeiter aus allen Teilen der Monarchie, was für die bisher kleine Gemeinde eine harte Belastung bedeutete. Der Priester Paul Bernhard – Kurat von St. Jakob - schildert die Folgen des Tunnelbaues wie folgt; „Für das einfache Talvolk brachte der vierjährige Tunnelbau harte Prüfungen mit sich. Für den männlichen Teil waren die Gefahren der Genußsucht, in specie die Trunksucht in den 34 Schenken und die Übertretung der Fasttage und Entheiligung der Sonntage am größten. Für den weiblichen Teil, insbesondere der Jungfrauen, war die Verführung der sittlichen Korruption äußerst groß und so hatten 13 Mädchen des Dorfes das schwere Schicksal lediger Mütter zu tragen.“
Kaiser Franz Josef I selbst besuchte 1881 die Tunnelbaustelle und begab sich ca. 1.000 m in den Stollen hinein, um sich ein Bild der größten Baustelle der Monarchie machen zu können. Gleichzeitig eröffnete er den neu erbauten Schießstand in der Au und gab einen gezielten Schuß auf eine heute noch hoch in Ehren gehaltene „Ehrenscheibe“ ab. Der Tunnel- und Bahnbau selbst ging äußerst schnell von statten und bereits am 19. Nov. 1883 konnte der Tunneldurchstich feierlich gegangen werden. Die Eröffnung der neuen Bahnstrecke wurde am 20. September 1884 durch seine Majestät Kaiser Franz Josef I vorgenommen, der in einem Sonderzug von Innsbruck bis Bregenz die Arlbergstrecke erstmalig befuhr. Die Eröffnung bedeutete nicht nur eine einmalige technische Großleistung, sondern auch ein enormer wirtschaftlicher Aufschwung für die Gebiete dies- und jenseits des Arlbergs. Der Bahnbau brachte Arbeit und auch die ersten Touristen kamen nunmehr mit der Eisenbahn nach St. Anton am Arlberg.

Text und Zusammenstellung

Mall Helmut – Gemeinde St. Anton am Arlberg

Quellenverzeichnis

- Heimatbuch der Gemeinde St. Anton von Ing. Hans Thöni
- Kirchengeschichten von St. Anton und St. Jakob von Ing.  Hans Thöni
- Verkehrsgeschichte des Arlbergs 1899 von Franz Kurz
- Schlussbericht Alpine Ski WM 2001
- Gemeindearchiv St. Anton am Arlberg

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